الإحسان: أعلى مراتب الإيمان
Drei Begriffe strukturieren den Islam wie kein anderes Konzept: Islam, Iman, Ihsan. Die ersten beiden kennt fast jeder. Das dritte wird seltener erklaert, obwohl es das ist, worauf alles zielt.
Die drei Stufen im Hadith Jibril
Der Hadith ist bekannt, aber sein Gewicht wird oft unterschaetzt. Ein fremder Mann in weissem Gewand kommt zu den Gefaehrten des Propheten (Friede sei auf ihm), setzt sich nahe vor ihn und fragt, zuerst nach dem Islam, dann nach dem Iman, dann nach Ihsan. Die Antwort des Propheten (Friede sei auf ihm):
"Ihsan ist es, Allah zu verehren, als wuerdest du Ihn sehen. Und wenn du Ihn nicht siehst, so wisst du, dass Er dich sieht." (Sahih Muslim, Nr. 8)
Der Fragende war Jibril, alayhi s-Salam. Er kam nicht, um zu lernen, er kam, um den Gefaehrten zu lehren. Dieser Hadith ist kein Nebentext. Er ist das theologische Fundament dreier Begriffe, die zusammen die gesamte Glaubenspraxis beschreiben.
Islam: die aeussere Praxis. Iman: der innere Glaube. Ihsan: die Qualitaet beider.
Was Ihsan konkret bedeutet
Die Definition klingt einfach. Ist sie nicht. Wer versucht, ein einziges Gebet so zu verrichten, als stuende er wirklich vor Allah, der merkt, wie viel Raum normalerweise leer bleibt. Der Koerper macht die Bewegungen, aber der Geist schweift. Zur Arbeit. Zum Streit von gestern. Zum Abendessen.
Ihsan meint nicht Perfektion. Es meint Ausrichtung. Die innere Haltung, dass dieser Moment nicht gleichgueltig ist, weil jemand zuschaut, der alles sieht. Das arabische Wort husn, von dem Ihsan abgeleitet ist, bedeutet Schoenheit. Ihsan ist die Schoenheit des Handelns.
Wer Khushu (innere Praesenz im Gebet) uebt, arbeitet direkt an dieser Stufe, auch wenn der Begriff Ihsan dabei nicht faellt.
Ihsan ist nicht auf das Gebet begrenzt
Sure 16:90 sagt klar: "Wahrlich, Allah befiehlt Gerechtigkeit (Adl) und die gute Tat (Ihsan)."
Ihsan gilt in der zwischenmenschlichen Dimension genauso. Wer seinen Job gut macht, nicht weil der Chef zuschaut, sondern weil Allah zuschaut, das ist Ihsan. Das Gespraech mit einer Mutter, das man nicht abbricht, obwohl man muede ist. Der Kollege, dem man ehrlich hilft. Das Essen, das man mit Sorgfalt zubereitet.
Die Klassiker der islamischen Spiritualitaet, al-Ghazali, Ibn Ata Allah al-Iskandari, haben Ihsan als den Kern der inneren Praxis beschrieben. Nicht als Zusatzstufe fuer Fortgeschrittene. Als Ziel.
Murakaba: die Praxis hinter Ihsan
Wie kommt man dorthin? Nicht durch einen Entschluss. Aber es gibt einen Weg, er heisst Murakaba.
Murakaba bedeutet Bewusstsein der Beobachtung. Das Innehalten und die Frage: Was tue ich gerade, und ist es etwas, das ich vor Allah tue? Das klingt abstrakt, wird aber konkret: vor dem Schlafen, vor einem schwierigen Gespraech, beim Schreiben einer E-Mail.
Wer Murakaba als taegliche Praxis einfuehrt, bemerkt schnell: Die meisten Handlungen fuehlen sich anders an, wenn man sie im Bewusstsein Allahs tut.
Wo fange ich an?
Ein praktikabler Einstieg: Waehle eine Situation taeglich, das Fajr-Gebet, den ersten Satz am Arbeitsmorgen, das Essen, und versuche bewusst, diese eine Handlung im Bewusstsein Allahs auszufuehren. Nicht alle auf einmal. Einer der groessten Fehler beim Entwickeln von Ihsan ist der Versuch, sofort ueberall zu beginnen.
Ihsan ist keine Eigenschaft, die man hat oder nicht hat. Es ist eine Richtung. Und die ersten Schritte sind kleiner als man denkt.